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EXPERTIN IM INTERVIEW

Warum psychosoziale Hilfe jetzt & später wichtig ist

Seit Kriegsausbruch in der Ukraine sind Millionen Menschen auf der Flucht – darunter viele Kinder und Jugendliche, die mit den psychosozialen Folgen der traumatischen Erlebnisse kämpfen. Das Team von krisenchat Ukrainian steht ihnen in dieser schwierigen Zeit zur Seite und bietet kostenlose, digitale psychosoziale Beratung per Chat durch ukrainisch- und russischsprachige Krisenberater:innen.

SOS Krisenchat Update

Yevheniia Ivanova |  © krisenchat

Das Projekt ist eine Kooperation des gemeinnützigen Berliner Start-ups krisenchat, der SOS-Kinderdörfer weltweit und weiteren Förderpartner:innen. Von der Zusammenarbeit profitieren alle Seiten: Das Hilfsangebot ist eine sinnvolle Ergänzung des Programms der SOS-Kinderdörfer zur mentalen Gesundheit. krisenchat kann in Zukunft auf die wertvolle Expertise des Kooperationspartners auf dem Gebiet der Traumaarbeit mit Kindern und Jugendlichen zurückgreifen. Durch die finanzielle Unterstützung der SOS-Kinderdörfer weltweit kann außerdem das Beratungsteam personell verstärkt werden. Yevheniia Ivanova ist eine der psychologischen Beraterinnen bei krisenchat Ukrainian. Im Interview erzählt sie unter anderem, was ihre Arbeit bei krisenchat Ukrainian ausmacht und weshalb gerade jetzt eine psychosoziale Stütze für ukrainische Kinder und Jugendliche von essenzieller Bedeutung ist. 

© Katerina Ptakha

Frau Ivanova, erzählen Sie uns doch erst einmal etwas über Ihre Vita und Ihren Werdegang. Warum haben Sie sich für den Beruf der Psychologin entschieden?

Mit 14 Jahren habe ich das Buch „One flew over the cuckoo's nest“ von Ken Kesey gelesen, und von da an wusste ich, dass ich gefährdeten Menschen helfen wollte.

Mein Weg in die Psychologie begann 2006 mit dem Studium an der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität Kiew, Fakultät für Psychologie. Ich habe 9 Jahre lang in der Abteilung für medizinische Psychologie und Psychodiagnostik studiert und einen Doktortitel in Psychologie erworben. Während meines Studiums habe ich Psychologie in verschiedenen Bereichen praktiziert und habe Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, später wählte ich den Ansatz der Psychotherapie in der Transaktionsanalyse. Ich habe eine 4-jährige Ausbildung für Psychotherapeuten in diesem Ansatz absolviert. Ich bin Beraterin bei krisenchat Ukrainian, außerdem gehöre ich zum Spezialteam und schreibe Beratungsstrategien für schwierige Chats.

Ein weiterer Teil meines Berufslebens ist die Einzelberatung mit Erwachsenen in privater Praxis.

Wie sind Sie auf krisenchat aufmerksam geworden, und warum haben Sie sich für diese Arbeit entschieden?

Meine Kollegin und enge Freundin hat ein paar Monate zuvor begonnen, bei krisenchat zu arbeiten und hat mir von dieser Plattform erzählt. Als ich über die Position des Mentors erfuhr, dachte ich wirklich, dass dies eine unglaubliche Möglichkeit ist, Menschen aus der Ukraine zu helfen und meine beruflichen Fähigkeiten für wichtige Ziele einzusetzen. Für mich ist die Tätigkeit als Mentorin bei krisenchat Ukrainian eine Chance, einen Beitrag zur Unterstützung meiner Mitmenschen in solch schwierigen Situationen zu leisten und mein Bestes zu geben. Ich bin hoch motiviert, weil ich weiß, dass ich irgendwo in der Ukraine oder in anderen Teilen der Welt jemanden unterstützen kann, der dies braucht. Wenn die Chatter am Ende des Chats schreiben, dass es für sie ein wichtiges Gespräch war oder dass es etwas war, was sie oder er brauchte, habe ich jedes Mal das Gefühl, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Die Erkenntnis, wie wichtig unsere Unterstützung für die ukrainischen Menschen ist, inspiriert mich und gibt mir die Kraft, auch während der Nachtschichten oder nach so schrecklichen Ereignissen wie dem Angriff auf Ohmadit zu arbeiten.

So ist krisenchat Ukrainian erreichbar:

- Per SMS, WhatsApp und dem Messenger-Dienst Telegram unter der Nummer +49-1573-5993126 

- Über die Website: www.krisenchat.de/ukraine

 

Mit welchen Anliegen melden sich die Hilfesuchenden aus der Ukraine bei Ihnen, und wie können Sie ihnen helfen?

Auf der Plattform werden wir mit verschiedenen Anfragen konfrontiert, und da der Krieg bereits das dritte Jahr andauert und sein Ende nicht absehbar ist, beschäftigen wir uns mit Themen wie Zukunftsängsten, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung darüber, dass der Krieg so lange andauern wird. Die Menschen schreiben uns über ihre Kriegsmüdigkeit und ihre Anpassungsschwierigkeiten in einem fremden Land. Auch das Problem der Fernbeziehungen hat sich verschärft, weil Familien oder Paare lange Zeit getrennt bleiben. Wir haben viele Fälle mit akuter Suizidalität oder Suizidgedanken, weil die unsichere Situation in der Ukraine solche Gedanken provoziert.

Ein großer Teil dieser Suizidfälle sind Jugendliche, die unter kriegsbedingten Veränderungen litten. Sie mussten ihr normales Leben verlassen und sich an neue Hindernisse gewöhnen. Jugendliche schreiben uns oft, dass sie sich selbst verletzen, weil sie mit den Spannungen nicht zurechtkommen, die durch ein hohes Maß an Stress ausgelöst werden. Auch haben die Jugendlichen Schwierigkeiten in Beziehungen, bei der Selbstakzeptanz und bei der Suche nach ihrem Platz im Kreis der Gleichaltrigen. Wir unterstützen sie dabei, zu verstehen, wer sie sind - ein wichtiger Teil unserer Arbeit auf der Plattform, weil sie sich bei uns sicher fühlen, um sensible Themen zu teilen und zu diskutieren.

"Auch schreiben uns Kinder im Alter von 9 bis 12 Jahren, die Probleme zu Hause haben und unter häuslicher Gewalt und elterlicher Vernachlässigung leiden. Wir haben versucht, sie sehr behutsam zu unterstützen und ihnen Möglichkeiten zu geben, wo sie Schutz erhalten können."

Natürlich gibt es auch Chatter:innen mit Symptomen von PTSD, Depressionen und Angstzuständen. Wir beraten Menschen mit Symptomen psychischer Störungen, und die Zunahme ihrer Zahl könnte die Folge des andauernden Krieges sein. Die Fälle von unkontrollierten Emotionen, zerbrochenen oder anderen Beziehungsproblemen, Schuldgefühlen der Überlebenden sind immer aktuell. Die Hauptsache ist, dass wir bei akutem emotionalem Schmerz unterstützen, stabilisieren und dabei helfen können, die starken Gefühle auszuhalten. Viele Menschen in der Ukraine können sich heute keine bezahlten psychologischen Beratungen leisten, und unsere Plattform bietet ihnen kostenlose Hilfe an. Andererseits können Menschen, die wegen des Krieges ins Ausland gegangen sind, ohne Sprachbarriere und lange Wartezeit Hilfe erhalten.

Es geht also vor allem um die Unterstützung in akuten Krisensituationen. Wie gehen Sie es an, auch nachhaltig zu helfen?

krisenchat ist ein Beratungsdienst, der es sich zum Ziel gesetzt hat, Menschen im Moment des unerträglichen emotionalen Schmerzes, in akuten Stresssituationen und genau in dem Moment zu unterstützen, in dem niemand helfen kann. Wir bieten unseren Chatter:innen einen sicheren Ort, Verständnis für ihre Erfahrungen und Bestätigung für ihre Gefühle. Wir geben unseren Chatter:innen viele Selbsthilfetechniken an die Hand und versorgen sie mit Psychoedukation - wir sind keine Psychotheraphie. Wir schlagen Ressourcen vor, wo sie spezifischere Hilfe für langfristige Unterstützung finden können. Der Rahmen unserer Beratung ist einmal pro Tag und die Beratung dauert 1-1,15 Stunden. Außerdem können sich die Chatter:innen nicht aussuchen, mit welchem Berater sie sich austauschen möchten, denn unsere Hilfe ist auf kurzfristige Unterstützung ausgerichtet. Wir bieten nachhaltige Hilfe an, da wir rund um die Uhr verfügbar sind.

© Viktoria Gudova

Die Beratung bei krisenchat Ukrainian ist, wie Sie gesagt haben, eine kurzfristige psychosoziale Stütze. Erhalten Sie denn auch ab und an Feedback von Chatter:innen nach der Beratung?

Ja, natürlich, und das kommt sehr oft vor. Zum Beispiel, wenn Chatter:innen uns zu Beginn der Beratung schreiben, dass sie sich verärgert fühlen und etwas nicht tun wollen, und am Ende schreiben sie, dass sie die Absicht haben, etwas zu tun, um sich zu verändern. Oft schreiben Chatter:innen, dass es genau das war, was sie brauchten und dass unsere Arbeit sehr wichtig ist. Ich denke, das ist einer der Vorteile der Krisenberatung, man sieht die Veränderung nach einer Stunde Arbeit. Die Person wechselt von einem Zustand des Tunneldenkens, dass alles Leben schwarz ist, zu einer positiveren Sichtweise.

krisenchat Ukrainian konnte ja bereits über 30.000 Beratungen für junge Ukrainer:innen durchführen. Was denken Sie, wieso die Beratung per Chat eigentlich so hilfreich ist?

Ich denke, dass eine solche Art der Beratung wirklich sehr effektiv ist, wenn man in kurzer Zeit eine wichtige psychologische Intervention erhält und in sein tägliches Leben zurückkehren kann. Wir bieten Vertraulichkeit und bei sehr sensiblen Themen ist die Möglichkeit, zu schreiben, sicherer als andere Kommunikationswege. Textnachrichten sind für junge Menschen inzwischen eine gängige und übliche Kommunikationsform, die dazu beiträgt, eine Barriere für den Kontakt mit Psychologen zu überwinden. Auch unsere Chatter:innen haben oft nicht die Möglichkeit, sich per Video oder vor Ort beraten zu lassen, weil sie bei Verwandten leben oder keinen sicheren Ort haben, an dem sie sprechen können und niemand sie unterbricht.

Wieso ist es Ihrer Meinung nach generell so wichtig, mit den Hilfesuchenden zu kommunizieren? 

Die Verfügbarkeit von psychologischer Hilfe unter Kriegsbedingungen ist eine Notwendigkeit, um der Verschlimmerung von Posttraumatischen Belastungsstörunge vorzubeugen. Unser Dienst ist für Kinder und Jugendliche von entscheidender Bedeutung, da sie oft keine Möglichkeit haben, auf anderem Wege psychologische Unterstützung zu erhalten. Minderjährige Chatter:innen sind die empfindlichste Kategorie, weil sie für die Arbeit mit Psycholog:innen die Erlaubnis der Eltern brauchen, diese aber gleichzeitig Täter:innen sein können, so dass es für Minderjährige eine Sackgasse ist. Wir unterstützen jedoch jede Person vertraulich, so dass wir in Situationen helfen können, in denen es kein anderer kann.

"Psychische Gesundheit ist ein sehr wichtiger Teil der Lebensqualität."

Daher bieten solche Dienste wie krrisenchat nicht nur kurzfristige psychologische Unterstützung, sondern auch die Möglichkeit, in Zukunft besser zu leben und nicht unter psychischen Schmerzen zu leiden.

Was könnte passieren, wenn eine solche Beratung nicht stattfindet? Wie würden Sie die Risiken einschätzen?

Es gibt Gruppen wie Kinder und Jugendliche, für die wir der einzige Dienst sind, der ihnen ohne Erlaubnis der Eltern oder anderer Bezugspersonen helfen kann. Wir unterstützen in Situationen, in denen niemand antwortet. Da wir rund um die Uhr erreichbar sind, sind wir in Situationen akuten psychischen Schmerzes zur Stelle. Unsere Notfallpläne in diesen Momenten sind sehr nützlich und können unsere Chatter wirklich vor schlimmen Folgen bewahren. Auch in der Langzeitperspektive hilft unser Chat, das Risiko einer Verschlimmerung der Symptome von PTBS und traumatischen Erfahrungen zu verringern. Wenn es keine psychotherapeutische Hilfe gäbe, bestünden kurz- und langfristige Risiken, wie ein geringes adaptives Funktionsniveau im Alltag oder komplexen Traumafolgestörungen.

Um diesen Folgen vorzubeugen, können wir mit den Betroffenen jetzt sprechen, ihnen Psychoedukation anbieten und ihnen helfen, Resilienzfaktoren zu entwickeln, die in traumatisierenden Situationen hilfreich sind. Psychotherapeutische Hilfe führt daher in der Regel zu posttraumatischem Wachstum und verringert die Wahrscheinlichkeit, dass sich psychische Störungen entwickeln.

Vielen Dank für das Gespräch Frau Ivanova und Ihre wertvolle Arbeit!

 

krisenchat Ukrainian ist Teil umfangreicher Hilfsmaßnahmen der SOS-Kinderdörfer weltweit für ukrainische Kinder und Familien in zahlreichen Ländern. Auch in der Ukraine selbst ist die Hilfsorganisation weiterhin aktiv und unterstützt die Menschen. Weitere Informationen finden Sie hier

Die Hilfsmaßnahmen müssen stetig an die sich verändernde Situation angepasst werden. Neben akuter Soforthilfe sollen betroffene Familien auch langfristig unterstützt werden.

Hier finden Sie weitere Informationen zur Ukraine-Hilfe der SOS-Kinderdörfer.

 

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