„Kein Kind auf der Welt sollte sich für Sicherheit bedanken müssen“
Am 7. Oktober 2023 drangen bewaffnete Gruppen der radikalislamischen Hamas in Israel ein, töteten über 1.200 Menschen und nahmen mehr als 240 als Geisel. Einen Tag später erklärte die israelische Regierung den Kriegszustand und begann mit Luftangriffen auf den dicht besiedelten Gazastreifen. Die Bombardierungen auf Gaza werden seitdem fast ununterbrochen fortgesetzt. Häuser, Schulen, medizinische Einrichtungen und andere lebenswichtige Infrastrukturen wurden beschädigt oder zerstört. Bereits im März war es den SOS-Kinderdörfern, unterstützt von den beteiligten Konfliktparteien, gelungen, einen Großteil der Kinder aus dem SOS-Kinderdorf Rafah nach Bethlehem ins Westjordanland zu bringen. Der freigewordene Platz wurde genutzt, um Kinder aufzunehmen, die im aktuellen Krieg ihre Familie verloren haben. Nun mussten auch diese Kinder evakuiert werden.

© Hosny Salah
Die Lage im Gazastreifen und im Westjordanland ist dramatisch
Wie Spiegel1 berichtet, haben nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums, die sich nicht unabhängig überprüfen lassen, bislang mehr als 36.000 Menschen ihr Leben verloren. Nach Schätzungen, unter anderem von UNICEF2, sollen etwa 17.000 Kinder im aktuellen Gaza-Krieg ihre Eltern verloren haben oder von ihnen getrennt worden sein. Verwaiste Kinder, die zunächst bei Verwandten unterkommen konnten, verlieren deren Fürsorge häufig wieder, weil die Familien nicht in der Lage sind, für zusätzliche Mitglieder zu sorgen. Die SOS-Kinderdörfer sind bereits seit 1966 in Palästina tätig: In Rafah (im Gazastreifen) und in Bethlehem (im Westjordanland) gibt es jeweils ein SOS-Kinderdorf sowie Familienstärkungs- und Bildungsprogramme, die aufgrund der aktuellen Lage eine noch wichtigere Rolle spielen.
SOS-Kinderdorf Rafah inmitten von Gefechten evakuiert
Aufgrund höchster Lebensgefahr für 33 Kinder sowie Betreuende und Familien musste das SOS-Kinderdorf Rafah in Gaza am 28. Mai evakuiert werden. Der Grund: Die Bombeneinschläge waren bis auf 200 Meter an das SOS-Kinderdorf herangekommen. Schon in den Wochen zuvor war es immer wieder zu massiven Kampfhandlungen, Toten und Verletzten im Umfeld gekommen, darunter waren auch zahlreiche Kinder. Die gute Nachricht: Alle betreuten Kinder des SOS-Kinderdorfs sind sicher an ihrem neuen Aufenthaltsort in Zentral-Gaza angekommen. Insgesamt befanden sich 245 Personen auf dem Gelände, darunter auch junge Erwachsene, die im SOS-Kinderdorf aufgewachsen sind, nebst ihren Familien. Viele von ihnen mussten bereits mehrfach innerhalb Gazas fliehen, um den Kämpfen zu entkommen.
Man habe die aktuelle Evakuierung in den vergangenen Wochen so gut wie möglich vorbereitet. So seien an dem neuen Standort provisorische Unterkünfte errichtet und Lebensmittel bereitgestellt worden. Gleichwohl sei man weiterhin in großer Sorge um das Leben der Kinder und Erwachsenen. Solange der Krieg anhalte, gebe es keine Sicherheit in Gaza.
Mit der Räumung des SOS-Kinderdorfs sei es der Hilfsorganisation aktuell nicht mehr möglich, in Rafah humanitäre Hilfe für die lokale Bevölkerung sowie für Binnenvertriebene zu leisten. Unter großen Herausforderungen habe man seit Ausbruch des Krieges fast 12.000 Kinder und Erwachsene unterstützt, unter anderem mit Bargeldzahlungen und psychologischer Hilfe. Die SOS-Kinderdörfer leisten sowohl in Israel als auch in Palästina seit Jahrzehnten Hilfe für Kinder, die die elterliche Fürsorge verloren haben oder davon bedroht sind, sie zu verlieren und unterstützen Familien, um sie vor dem Zusammenbrechen zu bewahren.
SOS-Kinderdörfer haben jetzt eine Petition gestartet, in der unter anderem eine sofortige Waffenruhe, der Schutz der Zivilbevölkerung sowie ein ungehinderter Zugang für humanitäre Hilfe gefordert wird.


© Hosny Salah
Vor Evakuierung des SOS-Kinderdorfs Rafah: Kinder und Familien gelangen sicher nach Bethlehem
Nur wenige Wochen bevor das SOS-Kinderdorf evakuiert werden musste, konnten Mitte März 2024 insgesamt 68 Kinder sowie elf Erwachsene und Angehörige aus dem SOS-Kinderdorf Rafah in Gaza evakuiert werden. Über diplomatische Kanäle arbeiteten die SOS-Kinderdörfer dafür mit allen zuständigen Behörden zusammen, um die Kinder und Erwachsenen von Rafah sicher nach Bethlehem im Westjordanland zu bringen. Lanna Idriss, Vorständin der SOS-Kinderdörfer weltweit, zeigte sich im Interview mit dem Spiegel stolz: „Wir haben gezeigt, dass es geht. Ich bin allen Beteiligten sehr dankbar – den Ägyptern, den Palästinensern, den Israelis und natürlich besonders den Deutschen. Viele Mitarbeiter der zwei Botschaften in Ägypten und Israel und der Vertretung in Palästina haben sich unglaublich für uns eingesetzt. Das werden wir niemals vergessen. Mir selbst ist hier viel gedankt worden, aber das ist nicht richtig so. Kein Kind auf der Welt sollte sich für Sicherheit bedanken müssen. Das ist ein Recht. Das gilt für die israelischen Kinder, die von der Hamas noch gefangen gehalten werden, wie für die palästinensischen Kinder im Gazastreifen.“
Die evakuierten Kinder und Familien leben aktuell in Häusern im SOS-Kinderdorf Bethlehem oder wurden in angemieteten Wohnungen untergebracht. Doch bleiben die geretteten Kinder jetzt dauerhaft im Westjordanland? Dazu erklärte Idriss: „Wenn die Sicherheitslage es zulässt, sollen sie in ihre Heimat zurückkehren. Das wollen die Kinder auch, es ist ihr Zuhause. Wir haben aus vielen verschiedenen Ländern Angebote bekommen, die Kinder temporär aufzunehmen. Betlehem im Westjordanland ist für uns aber die ideale Lösung: Es ist derselbe Kulturkreis, es wird dieselbe Sprache gesprochen und es ist unsere Basis mit Fachpersonal in Palästina.“
Kinder in der Hölle von Gaza: So können Sie jetzt helfen
Die Situation der Kinder in Gaza wird immer verzweifelter, es gibt keinen sicheren Ort mehr für sie. Kinder auf der Flucht leben unter erbärmlichsten Bedingungen auf der Straße oder in Notunterkünften zusammengezwängt, es mangelt ihnen an allem. Die humanitäre Lage ist katastrophal und spitzt sich weiter zu. Hilfslieferungen kommen nur spärlich oder gar nicht an, es mangelt an sauberem Wasser, sanitären Einrichtungen, Krankheiten brechen aus, eine medizinische Versorgung ist praktisch nicht mehr möglich. Und dazu kommt der Hunger: Unzählige Kinder leiden an Unterernährung, insbesondere Kleinkinder sind bereits verhungert.
Die SOS-Kinderdörfer arbeiten unermüdlich, damit Kinder in Gaza lebensrettende Hilfe erhalten. Die Organisation kümmert sich um minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, nimmt sie auf, sucht nach ihren Verwandten, betreut sie psychologisch und sorgt für ihr körperliches Wohl. Um die Hilfe der SOS-Kinderdörfer aufrecht zu erhalten und auszuweiten, ist die Organisation auf Ihre Unterstützung angewiesen.
Die Nothilfe der SOS-Kinderdörfer unterstützt bis zu 10.000 Kinder und ihre Familien durch folgende Maßnahmen:
- Versorgung von Familien mit dem Nötigsten (finanzielle Unterstützung für Lebensmittel oder Hygieneartikel)
- psychologische Hilfe
- Einrichten von Schutzorten für Kinder
- Schulunterricht
- Erholungsaktivitäten
- Aufnahme von Kindern, die ihre Familien verloren haben