Anzeige
Kreislaufwirtschaft

Deutschlands Sicherheit beginnt im Recyclinghof

Eine neue Studie zeigt: Die Akzeptanz für Kreislaufwirtschaft ist hoch – das Wissen über ihre sicherheitspolitische Bedeutung dagegen gering.

das

Credit: GettyImages

Deutschland gilt als Vorreiter der Kreislaufwirtschaft. Kaum ein Land recycelt so viel, kaum eines verfügt über eine vergleichbar entwickelte Umwelttechnologie. Und doch zeigt eine neue Studie: Vielen Menschen ist nicht klar, welche strategische Bedeutung Recycling längst hat – für Wirtschaft, Wohlstand und die nationale Sicherheit.

Denn Kreislaufwirtschaft ist heute weit mehr als ein Umweltprojekt. Sie ist zu einer Frage der Rohstoffsouveränität geworden – und damit zu einem sicherheitspolitischen Faktor in einer Welt wachsender geopolitischer Spannungen. 

Bereit für Circularity – aber schlecht informiert

Der IFAT Circularity Monitor, eine repräsentative YouGov-Umfrage im Auftrag der Umwelttechnologiemesse IFAT Munich, macht dieses Spannungsfeld deutlich: 73 Prozent der Deutschen messen der Kreislaufwirtschaft eine hohe Bedeutung für die nationale Rohstoffsicherheit bei.

Gleichzeitig geben 83 Prozent an, sich über das Thema schlecht oder nur ausreichend informiert zu fühlen. Mit anderen Worten: Die gesellschaftliche Akzeptanz ist da – das Wissen darüber, was Kreislaufwirtschaft konkret leisten kann, bleibt begrenzt.

Dabei ist das Problembewusstsein durchaus ausgeprägt. Vor dem Hintergrund teils extremer Importabhängigkeiten – bei einzelnen kritischen Rohstoffen liegt sie bei über 90 Prozent – erkennen viele, wie verletzlich Deutschland in globalen Lieferketten geworden ist. Mehr als die Hälfte der Befragten sieht in konsequent umgesetzter Circularity einen Schlüssel zur Verringerung dieser Abhängigkeiten und erwartet positive wirtschaftliche Effekte. 

Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken.

Die Wirtschaft ist weiter als die Debatte

Noch klarer fällt das Bild bei Unternehmensentscheidern aus. 88 Prozent von ihnen sind überzeugt, dass eine konsequent umgesetzte Kreislaufwirtschaft zum wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland beitragen kann. Lediglich zehn Prozent befürchten negative Effekte für Unternehmen.

Diese Einschätzung passt zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Standorts: Im Innovationsindikator 2025 des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) belegt Deutschland in der Schlüsseltechnologie Kreislaufwirtschaft den ersten Platz. Auch bei neuen Materialien und modernen Produktionstechnologien zählt die Bundesrepublik zur Spitzengruppe.

Was fehlt, ist also weniger die technologische Grundlage als vielmehr ein gemeinsames Verständnis dafür, welche Rolle Kreislaufwirtschaft künftig spielen soll. 

„Rohstoffe sind Machtinstrumente“

Dass sich diese Frage nicht mehr allein ökologisch beantworten lässt, betont Wolfgang Ischinger, früherer Botschafter und Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz. Für ihn ist Circularity längst Teil einer erweiterten Sicherheitsstrategie.

„Rohstoffe sind Machtinstrumente – Abhängigkeit bedeutet Verwundbarkeit“, sagt Ischinger. „Wenn wir Seltene Erden aus Altgeräten zurückgewinnen, statt sie teuer zu importieren, stärken wir unsere technologische Souveränität. Wenn wir Stahl, Aluminium oder Kupfer im Kreislauf halten, machen wir uns resilient gegen Marktverwerfungen.“

Kreislaufwirtschaft werde damit zu einem geopolitischen Stabilitätsfaktor – für Deutschland ebenso wie für Europa. 

Green Defense: Vom Umweltprojekt zur Sicherheitsfrage

Auf der IFAT Munich, der Weltleitmesse für Umwelttechnologien, wird dieser Zusammenhang unter dem Begriff „Green Defense“ diskutiert. Ursprünglich aus dem militärischen Kontext stammend, beschreibt er heute ein gesamtgesellschaftliches Konzept, das ökologische Stabilität, wirtschaftliche Resilienz und Ressourcensouveränität miteinander verbindet.

Die IFAT Munich von A bis Z
Alles, was Sie über die kommende IFAT Munich wissen müssen. Ein Alphabet der Umwelttechnologien – und warum diese Messe weltweit Bedeutung hat.
Zum Artikel

 

Die Studie zeigt: Dieses Denken stößt in der Bevölkerung auf Rückhalt. 57 Prozent der Deutschen sehen in Circularity einen Schlüssel zur Verringerung der Importabhängigkeit. Gleichzeitig wird deutlich, dass der Schritt von der abstrakten Zustimmung zur konkreten Umsetzung noch aussteht. 

Was jetzt passieren muss

Für Anja Siegesmund, geschäftsführende Präsidentin des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft (BDE), liegt die Herausforderung weniger in fehlender Akzeptanz als in unklaren politischen Rahmenbedingungen.

„Diese Zahlen geben Rückenwind“, sagt sie. „Sie zeigen, dass die Menschen bereit sind für eine Politik, die Nachhaltigkeit mit Sicherheit verknüpft.“ Entscheidend seien nun verbindliche Ressourcenziele, ambitionierte Recyclingquoten und eine öffentliche Beschaffung, die zirkuläre Materialien konsequent bevorzugt.

Green Defense, so Siegesmund, sei keine abstrakte Strategie. „Sie ist ein konkreter Auftrag.“

 

Artikel teilen
[ this should be replaced by application ]