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Interview mit Carsten Brzeski

„Wir müssen endlich mehr in Kreislaufwirtschaft investieren” 

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Deutschland, sagt, Europa müsse sich auf die grundlegend veränderte geopolitische Situation einstellen. Ein wichtiger Schlüssel dafür sind Recycling und Kreislaufwirtschaft – worin er zugleich große Chancen für die deutsche Wirtschaft sieht. 

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Quelle: ING

In Ihrem Podcast Carsten’s Corner sprachen Sie kürzlich von einem „geopolitischen Kaltstart ins Jahr 2026”, Stichworte: Venezuela, Grönland und der Stromausfall in Berlin. Welche Lehren sollten Deutschland und Europa daraus ziehen? 

Von strategischer Autonomie und Resilienz sprechen wir schon seit gut einem Jahrzehnt, haben sie nur leider nie entschieden umgesetzt. Jetzt spüren wir die Folgen. Wir müssen endlich lernen, dass sich die Welt fundamental verändert. Chinas Aufstieg etwa kann man schon seit Jahren beobachten. Gleichzeitig muss die europäische Industrie auf deutlich gestiegene Energiekosten reagieren. 

Seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump Anfang 2025 gab es Weckruf über Weckruf. Und in den ersten Wochen 2026 hat der Wecker so laut geschrillt, dass jetzt wirklich jedem deutlich geworden sein muss: Es ist fünf nach zwölf, um an Resilienz, Selbstständigkeit und strategischer Autonomie für eine bessere Sicherheit zu arbeiten. 

Unser Wirtschaftsmodell in Deutschland, aber damit auch verbunden in Europa, steht unter Druck. Es muss mehr oder weniger umgebaut werden. Diese Lehre hätten wir längst ziehen sollen. 

Die Kreislaufwirtschaft wird in diesem Zusammenhang oft als Win-win-Situation dargestellt. Ist sie das auch? Kann Europa wirtschaftlich florieren und zugleich den Rohstoffverbrauch senken? 

Der effizientere Umgang mit Ressourcen schafft schon allein deshalb eine Win-win-Situation, weil unsere Ressourcen endlich sind und wir unseren Planeten dadurch schützen. Die Kreislaufwirtschaft dürfte auch zu weniger Globalisierung führen und stattdessen zu mehr Regionalisierung; auch das stellt ein Win-win dar. Denn so kann Europa sich unabhängiger machen von Importen, etwa bei Microchips oder Lithium für Akkus – und das wiederum zahlt direkt auf unsere Resilienz und strategische Autonomie ein. 

Ein effizienterer Umgang mit Ressourcen und die Regionalisierung dürften sich zwar erst mal negativ auf das BIP-Wachstum auswirken. Das heißt aber nicht, dass wir dann weniger wirtschaftlichen Wohlstand in Europa hätten. 

„Kreislaufwirtschaft geht uns alle an, in Deutschland und in Europa“

 

Wenn Sie auf die nächsten zehn Jahre blicken: Was entscheidet darüber, ob Europa bei Recycling und Kreislaufwirtschaft zum Vorbild wird oder zum Nachzügler? Wenn Sie drei Hebel nennen müssten, welche wären das? 

Wir reden zwar gerade viel über Bürokratieabbau. Dennoch wäre der erste Hebel ein höherer Prozentsatz an zwingenden Recyclingquoten. Regulatorik mit Zähnen würde ich das nennen. Wir müssen uns eingestehen, dass die Freiwilligkeit nicht funktioniert hat. 

Der zweite Hebel wäre ein langfristiges Investitionsbekenntnis des öffentlichen Sektors. Wir müssen weg von kleineren Projekten alle ein, zwei Jahre hin zu einem langfristigen Investitionsplan für die Infrastruktur der Kreislaufwirtschaft – der mit seiner Signalwirkung deutlich mehr Privatinvestitionen auslösen würde. 

Drittens gäbe es die Möglichkeit, Besteuerung zu verschieben, etwa von Arbeit hin zur Ressourcennutzung. Kurz: Wer mehr Ressourcen verbraucht, zahlt mehr Steuern. 

Und wir müssen uns generell deutlich machen, dass Kreislaufwirtschaft kein engstirniges grünes Thema ist, sie geht uns alle an. Strategische Autonomie brauchen wir alle, in Deutschland und in Europa. 

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Quelle: Getty Images

Deutschlands Industrie schwächelt nun schon seit einigen Jahren, besonders die Automobilbranche. Kriegen die Autohersteller wieder die Kurve, und falls nicht: Welche Branchen könnten Deutschland künftig tragen, um unseren Wohlstand zu wahren? 

Wir müssen von der Idee wegkommen, dass die deutsche Industrie – mit der Automobilbranche als stellvertretendem Symbol – frühere Blütezeiten wieder aufleben lassen kann. Wir können zwar immer noch Innovation, aber andere mittlerweile auch. Auf dem Gebiet der E-Mobilität etwa haben wir eine enorme Konkurrenz in China, der Markt ist umkämpfter geworden. Es gibt viel mehr Spieler als noch vor zehn Jahren. Und viele sehr gute Spieler. 

Die Automobilindustrie bleibt wichtig, aber sie wird nicht mehr der Wohlstandsfaktor sein wie in den Jahrzehnten zuvor. Dafür ist jetzt wegen den Verschiebungen in der geopolitischen Situation Verteidigung wichtiger geworden. Ob einem das gefällt oder nicht, die Rüstungsindustrie wird stark wachsen, schon allein wegen der vielen Milliarden, die Regierungen dafür nun bereitstellen. 

Auch alles rund um erneuerbare Technologien und – gespusht vom Sondervermögen – unsere Infrastruktur wird wachsen. Außerdem die Bereiche Pharma und Biotechnologie, letztere schon allein aufgrund unserer alternden Gesellschaft. 

Hier ergeben sich auch wieder Chancen für Künstliche Intelligenz und Robotik. 

Unbedingt, allerdings haben wir in Europa bei der Entwicklung von KI mal wieder zu lange geschlafen. Eine Studie aus Australien führt das schmerzhaft vor Augen: Laut der Denkfabrik ASPI ist China in 66 von 74 kritischen Technologiebereichen führend, in den restlichen acht sind es die USA. 

„Wir haben das nötige Know-how und auch die Technologien, damit die Kreislaufwirtschaft ein Erfolg werden kann“

 

Apropos verschlafen: Europa spricht seit Jahren von Kreislaufwirtschaft – ökonomisch aber bleibt sie hinter ihrem Potenzial zurück. Wir importieren weiterhin den Großteil unserer kritischen Rohstoffe, recyceln aber wenig davon. Ist das aus volkswirtschaftlicher Sicht eher ein Marktversagen – oder ein politisches? 

Der Rückstand resultiert aus einer Kombination, Marktversagen auf der einen Seite, aber letztlich auch fehlender politischer Wille. Der Markt kann nicht alles regeln, was die Politik verpasst. Ein großer Bremsklotz in Europa ist, dass wir 27 Länder mit unterschiedlichen Gesetzgebungen und Herangehensweisen haben. Und es wurde zu wenig investiert in Anlagen, etwa fürs Recycling, um Rohstoffe zu sortieren und wiederzuverwerten. 

Schlussendlich war Europa auch zu lange zu bequem aufgrund der bislang stabilen politischen Situation. Niemand hat sich getraut, unpopuläre Entscheidungen einfach mal durchzudrücken. Dabei hätten wir das nötige Know-how und auch die Technologien, damit Circularity ein Erfolg werden kann. 

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