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Interview mit Wolfgang Ischinger  

„Das beste Rezept ist eine möglichst vollständige Kreislaufwirtschaft“

Geopolitische Krisen, fragile Lieferketten, steigende Rohstoffpreise: Europas Abhängigkeiten wachsen. Sicherheits-Experte Wolfgang Ischinger erklärt, warum Kreislaufwirtschaft mehr ist als Umweltpolitik – und zu einem entscheidenden Faktor für wirtschaftliche und strategische Resilienz wird.

Messe München Interviewbild

Wolfgang Ischinger, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) | Foto: MSC / Kuhlmann

Was haben Rolltreppen am Berliner Hauptbahnhof, ein Blackout und die Kriege in der Ukraine und in Iran gemeinsam? Sie zeigen, wie verwundbar Deutschland geworden ist. Wolfgang Ischinger, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), plädiert für eine neue Logik der Sicherheit – eine, in der die Kreislaufwirtschaft keine Nischenidee ist, sondern Kernstrategie. Er ist überzeugt, dass wir mit einer konsequenten Kreislaufwirtschaft nicht nur Klimaprobleme lösen, sondern auch strategische. Wer weniger Rohstoffe importieren muss, macht sich unabhängiger – und das könnte auch Deutschlands wichtigster Beitrag zur Sicherheit in ganz Europa sein.

Wir leben in einer Zeit multipler Krisen: Wir haben Kriege in der Ukraine und Iran, Öl und Gas werden immer teurer, beim Klimaschutz kommen wir auch nicht recht voran. Wo sehen Sie momentan aus geopolitischer Sicht die drängendsten Themen, die Deutschland und Europa angehen sollten, um nicht zwischen den Interessen von China, Russland und den USA aufgerieben zu werden?

Die augenblickliche geostrategische und geoökonomische Lage für Europa und für unsere globalen Interessen ist gefährdungsreicher als jemals zuvor in den vergangenen Jahrzehnten. Wir haben in einer für uns vorher unvorstellbaren Weise seit vier Jahren mit einem tobenden Krieg direkt an der östlichen Haustür der Europäischen Union zu tun. Es gibt einen neuen, was die Folgen angeht noch nicht überschaubaren Krieg gegen den Iran, der keineswegs nur Iran und Israel betrifft, sondern die ganzen Golfstaaten in Mitleidenschaft gezogen hat. Und es gibt noch weitere ungelöste Konflikte: Denken Sie an Taiwan, an Sudan, Venezuela oder Kuba.

Es ist unvorhersehbar, was das politisch, militärisch und strategisch bedeutet, aber auch, was es ökonomisch bedeutet – und damit auch für die Zukunft der Exportnation Deutschland. Wir befinden uns in einer Zeit anhaltender Schocks, und ich spüre, dass die Menschen einschließlich der Chefs großer Unternehmen außerordentlich verunsichert sind, weil fast keine Planung mehr ohne weiteres belastbar ist. Wir sind einem permanenten Stresstest ausgesetzt.

Doch in dieser Lage ist zumindest eines schon mal erfreulich: Dass sich die Bundesrepublik Deutschland im vergangenen Jahr nach jahrzehntelangem Zaudern und Zögern dazu aufgerafft hat, einen Nationalen Sicherheitsrat einzurichten – ein ressortübergreifendes, die gesamte Bundesregierung umfassendes Instrumentarium, um Abhängigkeiten größerer Art zu vermeiden, egal ob das Rohstoffe sind oder Exportprodukte.

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Die Abhängigkeiten bei den Rohstoffen werden uns momentan mit den hohen Preisen für Öl und Gas wieder schmerzlich vor Augen geführt, gleichzeitig heißt es aber, wir können doch wieder mehr Gasheizungen einbauen. Sollten wir nicht jetzt alles versuchen, diese fossile Abhängigkeit abzubauen, in der Europa ganz tief steckt?

Das ist ein wichtiges und richtiges Ziel. Sicher ist, dass wir mehr Tempo beim Ausbau von Erneuerbaren sowie Netzen und Speichern brauchen. Wir stecken energiepolitisch vor einer enormen Herausforderung, vielleicht vor einem Dilemma. Es ist absehbar, dass die Abkehr von fossilen Energien für die Staaten schwieriger werden könnte, die dies nicht mit einer nuklearen Komponente begleiten, wie sie die EU soeben vorgeschlagen hat.

Machen wir uns nicht dann wieder abhängig? Europa hat kein eigenes Uran und wir müssten es – wie heute Öl und Gas – auch wieder importieren.

Die Bundesrepublik Deutschland ist über RWE und Eon Teilhaber am Urankonzern Urenco, einer der weltweit größten Verarbeiter von Uran zu nuklearem Brennstoff. Es gibt über den ganzen Planeten verteilt jede Menge Uran, Urenco bezieht seinen Rohstoff aus mehreren Ländern. Abhängigkeiten ließen sich also begrenzen.

„Letztendlich ist die Kreislaufwirtschaft eine resilienzfördernde Aktivität“

Welche Rolle kann die effiziente Nutzung von Rohstoffen und der Aufbau einer Kreislaufwirtschaft spielen, damit wir unsere Energie-Abhängigkeiten verringern können?

Eine hochentwickelte Industrieregion ist auf große Energiemengen sowie auf Tausende unterschiedlicher Metalle und Rohstoffe angewiesen. Umso wichtiger ist eine nahezu geschlossene Kreislaufwirtschaft, damit die in unseren Geräten verbauten Metalle und wertvollen Materialien nicht verloren gehen. Das ist eine große Chance. Und es ist durchaus möglich, dass die Bundesrepublik Deutschland mit anderen europäischen Partnern eine Modellrolle einnehmen und zeigen könnte, wie man das Thema systematisch vorantreibt.

Ich finde, wir sind in der Circularity schon auf einem ganz guten Weg. Und ich sehe in der Entwicklung und der Förderung der Kreislaufwirtschaft ein wesentliches Element der Reduzierung unserer Abhängigkeit bei Energie und bei Rohstoffen überhaupt – letztendlich ist die Kreislaufwirtschaft eine resilienzfördernde Aktivität.

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Deutschland gilt in der Kreislaufwirtschaft international als Vorreiter, andere Länder Europas hingegen hinken beim Recycling stark hinterher. Wie könnte es uns gelingen, das Thema EU-weit zu forcieren und die Nachzügler zu mehr Entschlossenheit zu motivieren?

Ich glaube, der entscheidende Punkt ist, ob wir zeigen können, dass unser Modell funktioniert. Keiner in Europa verbraucht so viel teure Metalle und wertvolle Rohstoffe wie Deutschland. Wenn wir also den kleineren Partnern zeigen können, dass das bei uns funktioniert und wir immer weniger neue Rohstoffe teuer einkaufen müssen, und diese Länder dann mit aufspringen, haben wir unsere Vorreiterrolle gut erfüllt.

 

Ein wichtiger Schritt wäre die entschlossene Umsetzung der 2024 verabschiedeten Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie; um diesen dann in der Europäischen Union als Modellfall zu präsentieren – mit der Einladung an die anderen Länder, von unserer Praxis zu lernen und sich anzuschließen.

„Die Politik hat die Mittel, Abhängigkeiten zu verringern“

 

Sie haben die Verletzlichkeit unserer kritischen Infrastruktur am eigenen Leib erfahren und waren Anfang des Jahres unmittelbar vom Blackout in Berlin betroffen. Welche Lehren sollte Deutschland aus so einem Vorfall ziehen?

Auch hier landen wir wieder bei der Resilienz. Es ist womöglich ein frommer Wunsch, dass sämtliche Einrichtungen und Leitungen unserer Energieversorgung 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche von Polizisten bewacht werden. Aber ich glaube, man kann vieles verbessern, etwa durch Kameraüberwachung, unterstützt durch eine KI-Automatik, die Alarm schlägt, wenn etwas Ungewöhnliches passiert. Das wäre ein erster Schritt.

Ein zweiter wichtiger Schritt wäre das Vorhalten von Reparaturmaterial, sollte doch etwas beschädigt werden oder kaputt gehen. Ein aktuelles Beispiel haben wir in diesen Tagen am Berliner Hauptbahnhof: Das gesamte Rolltreppensystem, mehr als 30 Rolltreppen, ist über mehrere Etagen hinweg zusammengebrochen, weil Ersatzteile fehlen. Resilienz erfordert auch eine gewisse Lagerhaltung, damit es nicht Tage oder Wochen dauert, bis so etwas repariert werden kann.

Außerdem sind wir heute zum ersten Mal seit dem Kalten Krieg wieder in einer Situation, in der es nicht verkehrt wäre, das Konzept der Gesamtverteidigung ins Spiel zu bringen. Gesamtverteidigung heißt, dass nicht nur die Bundeswehr imstande sein muss, ihren Auftrag zu erfüllen, sondern dass beispielsweise unsere Krankenhäuser darauf vorbereitet sein sollten, im Fall einer größeren Krise möglicherweise gleichzeitig höhere Zahlen von verwundeten Menschen aufzunehmen. Das fängt schon an mit Betten und beispielsweise Beatmungsgeräten, wie wir es aus der Corona-Zeit kennen.

Sie waren und sind nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft seit mehreren Jahrzehnten in Spitzenpositionen tätig. Was könnten Politik und Wirtschaft in diesen unsicheren Zeiten voneinander lernen, um Europa zu stärken?

In der Wirtschaft ist der Druck, sorgfältig zu planen, ein anderer – weil die Unternehmen ihren Aktionären und Gesellschaftern Rechenschaft ablegen müssen. Deshalb gibt es in jedem großen deutschen Unternehmen jemanden, der für Risikoeinschätzungen verantwortlich ist und die Lage regelmäßig neu bewertet.

Unsere Bundesregierung jedoch hat keinen solchen Risikobeauftragten. In der deutschen Politik ist es laut Grundgesetz so, dass jeder Minister für sein Ressort selbst verantwortlich ist. Deswegen war es so wichtig, dass man den Nationalen Sicherheitsrat eingerichtet hat, der die wichtigen Ressorts zusammenführt und so eine Art Risikobeauftragter darstellt. Wichtig für die Einschätzung von Risiken und von möglichen krisenhaften Zuspitzungen in für uns relevanten Export- oder Importländern ist auch der fortgesetzte Austausch zwischen der Politik und den Unternehmen, die zum Teil sehr intensiv und schon sehr lange vor Ort tätig sind und die durch ihre langjährige Erfahrung ein präzises Bild der aktuellen Entwicklungen haben.

Ich glaube, es ist heutzutage unabdingbar, auf der obersten Ebene – Vorstandschefs, Risikobeauftragte, die Bundesregierung und die zuständigen Staatssekretäre – regelmäßige Abstimmungsrunden zu den verschiedenen Bereichen möglicher krisenhafter Entwicklungen abzuhalten. Wir sitzen alle im selben Boot und es wäre gut, wenn wir nicht nebeneinanderher operieren, sondern viel intensiver miteinander reden.

 

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