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Eine Person wandert mit Rucksack durch ein nebliges Gebirgstal mit Bach und grünen Hängen im Nationalpark Hohe Tauern.Eine Person wandert mit Rucksack durch ein nebliges Gebirgstal mit Bach und grünen Hängen im Nationalpark Hohe Tauern.
Auszeit
Mit allen Sinnen Natur

Im Herzen wild

Abgeschieden, rau, ursprünglich – das Wildnisgebiet Sulzbachtäler im Nationalpark Hohe Tauern zeigt, wie sich Natur anfühlt, wenn der Mensch nicht eingreift. Mit Rangerin und Biologin Sylvia Flucher geht es mitten hinein. 

TEXT CHRISTINA LYNN DIER

FOTOS THORSTEN JOCHIM

Immer höher windet sich die Straße den Berg hinauf. Der Asphaltbelag weicht einer Forststraße, die schließlich in eine Schotterpiste übergeht. Geschickt steuert Sylvia Flucher den Geländewagen durch tiefe Senken und kleine Wasserläufe, die von den schroffen Felswänden hinabstürzen. Irgendwann endet die Straße ganz und die 29-Jährige verkündet: „Hier ist Endstation. Jetzt kommen wir nur zu Fuß weiter.“ Sylvia Flucher arbeitet als Biologin bei der Nationalparkverwaltung Hohe Tauern Salzburg in Mittersill und lässt sich zusätzlich zur Rangerin ausbilden. Viele Gebiete des Nationalparks Hohe Tauern, mit 1.856 Quadratkilometern der größte Nationalpark der gesamten Alpen, kennt sie gut. Heute nimmt sie uns mit in eine der entlegensten Gegenden im Herzen des Nationalparks: das Untersulzbachtal. Seit 2019 bildet das vom Gletscher geformte Trogtal gemeinsam mit dem benachbarten Obersulzbachtal das international anerkannte und geschützte Wildnisgebiet Sulzbachtäler. Hier bestimmt die Natur die Dynamik der Prozesse – der Mensch greift nicht ein, weder lenkend noch korrigierend.

Ein großer Felsen mit der Tafel 'Nationalpark Hohe Tauern Wildnisgebiet' steht in einer nebligen Gebirgslandschaft.
Im Wildnisgebiet Sulzbachtäler bestimmt ausschließlich die Natur die Dynamik der Prozesse.

Ein Privileg namens Natur

Was „Wildnisgebiet“ auch bedeutet, wird schon am Startpunkt der Ranger-Tour klar: Handyempfang? Fehlanzeige! „Dass man in dieser wunderschönen Umgebung den Fokus ganz auf sich selbst und die Natur richten kann, ist ein großes Privileg“, sagt Rangerin Sylvia und empfiehlt: „Lasst euch auf das Erlebnis ein!“

Also atme ich tief ein und aus und lasse den Blick schweifen. Die Luft ist klar und frisch, es duftet nach feuchtem Moos und Holz. Überall glitzern Tautropfen auf den Gräsern und Blättern. Direkt neben dem Weg tost der Untersulzbach, der uns die gesamte Strecke begleiten wird. Der Fluss bahnt sich ganz ohne menschliches Zutun seinen Weg vom Gletscher ins Tal und transportiert dabei enorme Mengen an Geröll. Hört man genau hin, ist neben dem ständigen Rauschen des Wassers auch das Rumpeln der Steine im Flussbett zu hören.

Sylvia Flucher sitzt auf einem Felsen in der Natur, trägt eine grüne Weste und hat ein Fernglas um den Hals.
Sylvia Flucher, Rangerin und Biologin.

Wo die Bäume Bärte tragen

An den Uferböschungen des Untersulzbachs wachsen verschiedene Baumarten, darunter der Bergahorn, der im Herbst mit seinen bunten Blättern beeindruckt. Auch der Blaue Eisenhut ist an den dicht bewachsenen Wegrändern zu finden. So harmlos die Pflanze mit den lilafarbenen Blüten auch aussieht, sie gehört zu den giftigsten Arten im Wildnisgebiet. Das Vorkommen des Blauen Eisenhuts ist aber keineswegs selbstverständlich, sondern geht mit einer bestimmten Hummelart einher. „Die Spezialisierung auf Pflanzen mit so tiefen Blüten erfordert einen extrem langen Rüssel. Das ist sehr besonders“, erklärt die Rangerin.

Sylvia Flucher, Rangerin und Biologin.

Schon die nächste Wegbiegung hält eine weitere Besonderheit aus der Welt der Flora bereit. Wir tauchen ein in einen Waldbestand, der ganz anders aussieht als die Bäume links und rechts des Weges zuvor. In dichten Büscheln hängen Flechten von den Ästen und verpassen den dort wachsenden Lärchen einen „Bart“. „Baumbärte“ heißt dieses Phänomen dann auch passenderweise – und es ist ein gutes Zeichen. „Diese Arten von Flechten sind typisch für Bereiche mit guter Luftqualität und für feuchte Wälder, in denen häufiger mal der Nebel hängt. Man kann also von einer Nebelwald-Stufe in den Alpen sprechen“, sagt Sylvia Flucher und gibt uns ein kleines Büschel Flechten in die Hand. Wie weich und zart sich die Struktur anfühlt.

Im Nationalpark Hohe Tauern gibt es 3.500 Pflanzen- und rund 15.000 Tierarten.

Immer tiefer in die Wildnis

Einige der 3.500 Pflanzenarten, die es im Nationalpark Hohe Tauern gibt, haben wir bereits kennengelernt. Außerdem haben hier rund 15.000 Tierarten ihre Heimat, darunter die „Big Five“ des Nationalparks: Steinbock, Gams, Murmeltier, Steinadler und Bartgeier. Die Frage, welche tierischen Begegnungen wir auf unserer Ranger-Tour im Untersulzbachtal wohl haben werden, beantwortet sich schneller als gedacht. Uns läuft – oder besser gesagt hüpft – ein erstes Tier über den Weg. Es ist ein Grasfrosch, der gar nicht so grün ist, wie der Name vermuten lässt. „Grasfrösche zählen zu den Braunfröschen und sind besonders anpassungsfähig. Sie können selbst in Gebirgslagen von über 2.000 Metern überleben“, erläutert die Rangerin, bevor sich der kleine Frosch schnell unter einem der vielen Farne am Wegesrand versteckt.

Hin und wieder öffnet sich der Wald und gibt den Blick auf größere Flächen frei. Wo früher Kühe auf der Alm grasten, erobern sich Lärchen und Grünerlen die Areale zurück. Wir haben inzwischen die Außen- und Kernzone durchwandert und nähern uns dem eigentlichen Herzstück des Wildnisgebiets, das durch ein unscheinbares Holzschild angekündigt wird. Ab hier wird aus dem schmalen Pfad wegloses Gelände. Schon längst gehen wir hintereinander – gemeinsam, aber doch jeder in seinem eigenen Tempo. Wie gut, dass Rangerin Sylvia die unscheinbaren Wegmarkierungen zu deuten weiß. Auf großen Felsbrocken balancieren wir über Flussläufe, die unseren Pfad immer wieder queren und sich weiter unten im großen Strom des Untersulzbachs sammeln.

Im Wildnisgebiet Sulzbachtäler bestimmt ausschließlich die Natur die Dynamik der Prozesse.
Blick durch ein Gebirgstal auf eine grüne Landschaft mit Wiesen und Wäldern, umgeben von Felsen und Wolken.

Forschung zum Schutz der Natur

Der Blick von einer Erhebung zurück ins Tal ist atemberaubend: die schroffen Felshänge, der wilde Fluss, die tief hängenden Wolken – und dann man selbst, winzig klein im Vergleich zur Weite der Landschaft. „Ich empfinde es als riesengroßes Glück, in so einer schönen Umgebung unterwegs sein zu dürfen“, sagt Sylvia Flucher während einer kurzen Pause. Schon immer wollte die gebürtige Innsbruckerin in einem Nationalpark arbeiten. Während sie nur manchmal mit Besuchern unterwegs ist, begleitet sie als Biologin regelmäßig verschiedene Forschungsprojekte. Dabei geht es um den Schutz von Flora und Fauna, aber auch um die Auswirkungen des Klimawandels auf den Nationalpark Hohe Tauern. Dazu führen Sylvia Flucher und ihre Kollegen unter anderem Temperaturmessungen durch, untersuchen die Anzahl von Insektenlarven in Gewässern und beobachten, wie sich das Vorkommen bestimmter Pflanzenarten im Laufe der Jahre verändert. „Wir stellen fest, dass Pflanzen, aber auch Tiere immer weiter den Berg hinaufwandern. Gerade an heißen Sommertagen können wir beobachten, wie Gämse und Steinböcke in die höchsten Gebirgslagen und Gletschergebiete aufsteigen, um sich ein bisschen Abkühlung zu verschaffen.“

Ein braun-grün gefärbter Grasfrosch sitzt zwischen Farnen und Moos am Waldboden.
Grasfrösche können selbst in Gebirgslagen von über 2.000 Metern überleben.

Auf Spurensuche nach den Big Five

Während die Rangerin erzählt, nimmt sie immer wieder das Fernglas zur Hand – auf der Suche nach den Lebewesen, über die wir gerade sprechen. Und siehe da: Auf der anderen Seite des Flusses zeigt sich auf halber Höhe ein Gamsbock. Er schaut zu uns herüber, zupft ein paar Gräser aus dem kargen Felsboden und macht sich dann gemächlich auf den Weg weiter den steilen Hang hinauf. „Die Böcke fressen sich im Sommer und Herbst die nötigen Fettreserven an, um die anstrengende Brunftzeit ab November zu überstehen und auch die nötige Energie für den Winter zu haben“, weiß Flucher. 

Allmählich wird der Himmel grauer, es ist schon früher Nachmit­tag. Der Weg würde noch weiter am Untersulzbach entlangfüh­ren, stetig hinauf bis zum Eingang des Gletschers. Nach fast drei­stündiger Gehzeit beschließen wir jedoch umzukehren – auch das ist der Vorteil einer individuellen Ranger-Tour, bei der auf die Bedürfnisse der Gäste eingegangen wird.

„Dass man hier Fokus ganz auf sich selbst und die Natur richten kann, ist ein großes Privileg“

Eine Auszeit, die nachwirkt

Auf dem Rückweg begleitet uns das schrille Rufen eines Murmeltieres, das wie ein Pfiff klingt. Damit warnt es seine Artgenossen vor Gefahr – das Murmeltier hat uns wohl gesichtet, wir es aber noch nicht. Immer wieder blicken wir abwechselnd durchs Fernglas, bis wir das kleine Tierchen schließlich erblicken. Zwischen Felsbrocken versteckt, lugt es hervor. „In anderen Regionen sind Murmeltiere schon an Menschen gewöhnt, hier im Untersulzbachtal ist das anders. Auch das macht das Wildnisgebiet so besonders.“ Sylvia Flucher möchte ihre Begeisterung für die Einzigartigkeit der Natur mit ihren vielfältigen Pflanzen- und Tierarten an die Besucher weitergeben: „Was man kennt, das schützt man“, ist die Rangerin überzeugt. „Gleichzeitig gibt uns die Natur so viel zurück. Hier auftanken und abschalten zu können, führt dazu, dass bestimmte Dinge wieder an ihren Platz rücken und man eine andere Perspektive bekommt.“

Wir sind inzwischen wieder beim Geländewagen der Nationalparkverwaltung angekommen und fahren langsam ins Tal zurück. Das Piepsen des Handys meldet verpasste E-Mails und Textnachrichten. Der Empfang scheint also wieder da zu sein. „Nein, jetzt noch nicht“, denke ich und lasse das Handy zurück in den Rucksack gleiten – die Auszeit vom Alltag soll noch eine Weile anhalten.  

Zwei Hände halten hellgrüne Flechten, sogenannte Baumbärte, in einer Waldumgebung.
Die sogenannten „Baumbärte“ sind typisch für Bereiche mit guter Luftqualität.

Mit allen Sinnen durch den Nationalpark

Innenaufnahme einer Ausstellung mit nachgebildeter Felslandschaft, Tieren und Informationstafeln im Nationalpark Hohe Tauern.Roland Rauch und Christine Reichholf stehen lächelnd auf Steinen vor dem Gebäude des Nationalparkzentrums Hohe Tauern.
Ein interaktiver Murmeltierbau lädt besonders Kinder zum Entdecken ein.
Roland Rauch und Christine Reichholf möchten Besuchern die Vielfältigkeit der Natur näherbringen.

Wie fühlt es sich wohl an, einem Steinadler bei seinem Steilflug durch die Gipfelwelt der Alpen zu folgen? Die Nationalparkwelten in Mittersill machen dieses Erlebnis dank Minikamera- und Drohnenaufnahmen möglich – und haben darüber hinaus noch viel mehr zu bieten. Die 2024 neu gestaltete Erlebnisausstellung eröffnet auf 1.800 Quadratmetern einen umfassenden Blick in die Natur- und Kulturgeschichte der Region. „Wir möchten die Besucher für die Schönheit und Einzigartigkeit, aber auch für die Fragilität des Nationalparks Hohe Tauern sensibilisieren“, erklärt Roland Rauch, Geschäftsführer der Ferienregion Nationalpark Hohe Tauern, bei einem Rundgang durch die Ausstellung. „Dabei ist es uns wichtig, nicht zu belehren, sondern Wissen zu vermitteln und durch interaktive Elemente und sinnliches Erleben die Vielfältigkeit der Natur wirklich spürbar zu machen.“

Zehn Themenwelten laden zum Entdecken ein

Besucher haben die Möglichkeit, in zehn Themenwelten einzutauchen – vom majestätischen Adlerflug über die „Gletscherwelt“ und das „Wasserreich“ bis hin zum „Mythos Bergwald“, der mit einem komplett in Holz ausgekleideten Raum überrascht. Hier können es sich die Besucher auf Liegebänken bequem machen und einen Film aus der Perspektive vom Boden hoch zu den Baumwipfeln verfolgen. „Das ist mein Lieblingsort in den Nationalparkwelten. Hier duftet es so intensiv und gleichzeitig beruhigend nach Holz“, verrät Christine Reichholf, die als Marketingleiterin und Projektkoordinatorin Nachhaltigkeit für die Ferienregion Nationalpark Hohe Tauern tätig ist.

Besonders bei Kindern beliebt ist der interaktive Murmeltierbau, in dem sie spielerisch auf Entdeckungstour gehen und sich sogar verstecken können. Auch das 360-Grad-Panoramakino mit beeindruckender Soundkulisse, das 3D-Kino oder ein „Escape Game“ am Ende der Ausstellung in der Themenwelt „Almsommer“ sorgen für Aha-Erlebnisse.

Egal, ob die Nationalparkwelten in Mittersill den Auftakt für einen Besuch im Nationalpark Hohe Tauern bilden oder den krönenden Abschluss – für Roland Rauch und Christine Reichholf ist das Ziel klar: „Unser Herzenswunsch ist es, dass jeder Gast im Geiste ein Stück Nationalpark mit nach Hause nimmt und einen achtsameren Umgang mit der Natur auch im Alltag lebt.“

Roland Rauch und Christine Reichholf stehen lächelnd auf Steinen vor dem Gebäude des Nationalparkzentrums Hohe Tauern.
Roland Rauch und Christine Reichholf möchten Besuchern die Vielfältigkeit der Natur näherbringen.

Besuch & Öffnungszeiten

Die Nationalparkwelten in Mittersill (Gerlosstr. 18) haben täglich geöffnet:

Mai bis Oktober:
9:00–17:00 Uhr

November bis April:
10:00–17:00Uhr

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