
„Die Wehrwirtschaft wird softwaregetriebener“
Vom 23. bis 25. Februar fand in Nürnberg die Enforce Tac, Leitmesse für innere und äußere Sicherheit statt. Ein Gespräch mit der Geschäftsführerin Jasmin Rutka über die Weiterentwicklung der Messe sowie ihre wichtigsten Trends.
Frau Rutka, wie hat sich das Konzept der Enforce Tac entwickelt?
Die Enforce Tac hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur quantitativ, sondern vor allem strategisch weiterentwickelt. Heute sprechen wir von etwa 1.300 ausstellenden Unternehmen und über 20.000 Fachbesuchern aus Behörden, Streitkräften und Industrie. Entscheidend war allen voran die konsequente Verfolgung der Vision: innere und äußere Sicherheit sind untrennbar. Unser Zielbild ist eindeutig: Wir verstehen uns als Zukunftslabor, als Impulsgeber und als Plattform für industrielle Souveränität in Europa. Es geht längst nicht mehr nur um Produktpräsentation. Es geht um Fähigkeiten, um Skalierung, um Resilienz, um Interoperabilität und um europäische Kooperation. Die Veranstaltung steht unter der Schirmherrschaft des Bundeskanzlers – das ist ein klares Signal für die sicherheitspolitische Relevanz der Messe. Wir sind die einzige Messe dieser Art in Deutschland mit einem behördlich ausgerichteten Fachpublikum und einer so engen Verzahnung von Industrie, Politik und strategischem Diskurs. Inhaltlich hat sich die Messe zu einer Plattform entwickelt, die unterschiedliche Sicherheitsbereiche noch stärker miteinander verknüpft. Das diesjährige Leitmotiv „Vernetzte Sicherheit“ beschreibt diese Entwicklung: Innere Sicherheit, militärische Verteidigung und Cybersicherheit werden als Teil eines gemeinsamen sicherheitsrelevanten Ökosystems betrachtet.
Gibt es überraschende Trends bei Produkten oder Dienstleistungen?
Überraschend ist weniger das einzelne Produkt als vielmehr die Geschwindigkeit der Innovationszyklen. Drohnenabwehr ist hierfür ein gutes Beispiel: Noch vor wenigen Jahren war das ein Randthema, heute ist es ein eigenständiger Schwerpunkt mit spezialisierten Anbietern für Sensorik, elektronischen Gegenmaßnahmen und mobilen Abwehrsystemen. Auf der Enforce Tac zeigt sich das nicht nur in einzelnen Exponaten, sondern in der thematischen Breite der vertretenen Unternehmen. Wir sehen also eine enorme Dynamik bei unbemannten Systemen, sowohl in der Anwendung als auch in der Abwehr. Robotik im Verbund mit bemannten Plattformen entwickelt sich stark. Dazu kommen Fortschritte bei Kommunikationstechnologien, KI-gestützter Lageanalyse sowie Wärmebildtechnik, Optik und Optronik. Insgesamt zeigt sich weniger ein einzelner „Megatrend“, sondern eher eine Verdichtung von Spezialisierung und Anwendungsnähe.
„Verteidigungsindustrie wird nicht mehr defensiv erklärt, sondern als Bestandteil staatlicher Handlungsfähigkeit verstanden.“ Jasmin Rutka, Geschäftsführerin Enforce Tac
Alles blickt auf die Streitkräfte-Rüstung: Welche Bedeutung haben Zivilverteidigung und andere Sicherheitsbehörden?
Sicherheit beschränkt sich nicht auf Streitkräfte. Polizeien, Spezialeinheiten, Zivilschutz und KRITIS-Betreiber [Anm. der Redaktion Betreiber kritischer Infrastrukturen] sind ebenso relevant. Innere und äußere Sicherheit lassen sich nicht trennen. Auch wenn die öffentliche Aufmerksamkeit derzeit stark von Fragen der Landes- und Bündnisverteidigung geprägt ist, spielt die innere Sicherheit auf der Enforce Tac traditionell eine zentrale Rolle. Polizeibehörden und Spezialeinheiten gehören seit jeher zur Kernzielgruppe der Messe. Das zeigt sich etwa im Enforce Tac Village, wo die Einsatzszenarien auch verschiedene polizeiliche Lagen abbilden. Ebenso adressiert der it-sa-Pavillon den Schutz kritischer Infrastrukturen – ein Thema, das für Zivilverteidigung und innere Sicherheit gleichermaßen relevant ist. Das Leitmotiv „Vernetzte Sicherheit“ ist deshalb bewusst gewählt. Es geht dabei um das Zusammenspiel von Streitkräften, Polizei, Zivilverteidigung und technologischer Infrastruktur. Gerade hybride Bedrohungslagen machen deutlich, dass diese Bereiche in der Praxis kaum noch trennscharf voneinander zu betrachten sind. Die Nürnberg Messe bildet mit ihrem Sicherheitscluster diese Gesamtheit ab – mit der Enforce Tac für Sicherheit & Verteidigung, der it-sa für Cyber-Resilienz und der Perimeter Protection für Objektschutz in allen Dimensionen.

Wie wird sich die deutsche Wehrwirtschaft bis zum Ende der Dekade verändert haben?
Wir erleben einen grundlegenden mentalen und strukturellen Wandel. Und: Sicherheitspolitik entsteht im Zusammenspiel von Politik und Industrie. Deutschland verhandelt und definiert strategische Ziele und die Industrie sorgt dafür, dass daraus Fähigkeiten werden. In diesem Zusammenspiel sehen wir eine neue Form von Selbstbewusstsein und Ganzheitlichkeit. Wir spüren, dass die Branche insgesamt resilienter, eigenständiger und auch selbstbewusster mit dieser Rolle umgeht. Verteidigungsindustrie wird nicht mehr defensiv erklärt, sondern als Bestandteil staatlicher Handlungsfähigkeit verstanden. Was sich verändert, ist die ganzheitlichere Betrachtung. Es geht nicht mehr nur um einzelne Systeme, sondern um industrielle Ökosysteme, Lieferketten, Innovationszyklen, Interoperabilität und europäische Kooperation. Kooperationen zwischen Industrieunternehmen über nationale Grenzen hinweg werden zunehmen – nicht zuletzt, weil die Beschaffung zunehmend europäisch gedacht wird. Wir erwarten, dass die deutsche Wehrwirtschaft bis zum Ende der Dekade deutlich softwaregetriebener und systemorientierter sein wird. Einzelplattformen verlieren an Bedeutung zugunsten vernetzter Systemverbünde, bei denen Datenintegration, Schnittstellenfähigkeit und Updatefähigkeit entscheidend sind.
Die Fragen stellte Björn Müller.

