
Mehr Tempo bei der Munitionsproduktion
Von Björn Müller
Zu geringe Fertigungskapazitäten, fragmentierte Standards und verwundbare Lieferketten: Europa kämpft mit der begrenzten Fähigkeit, schnell große Mengen Artilleriemunition zu produzieren – mit gravierenden Folgen für die Verteidigungsfähigkeit.
Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat eine Realität zurückgebracht, die Europa lange verdrängt hatte: Krieg wird auch im 21. Jahrhundert durch industrielle Produktionskraft entschieden. Millionen Artilleriegeschosse zu haben – oder nicht – sind ein zentraler Erfolgsfaktor bei den Kämpfen. Damit rückt die Fähigkeit, Munition in großen Mengen herzustellen, wieder ins Zentrum militärischer Macht, und Europa gibt hier kein gutes Bild ab. Auf rund drei Millionen Artilleriegeschosse bezifferte die Ukraine ihren Bedarf in der frühen Phase des Krieges. Doch selbst heute, nach über vier Jahren Krieg, sind ihre europäischen Unterstützer noch immer nicht in der Lage, diesen Bedarf vollständig zu decken.
Die europäische Produktion wächst zwar – mittlerweile liegt sie bei über zwei Millionen Artilleriegeschossen pro Jahr, so die Einschätzung von EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius, während eines Besuchs in Kyjiw im Februar. Warum das gleich aus zwei Gründen nicht genug ist, erläutert Markus Reisner, Oberst des österreichischen Bundesheeres und Analyst des Ukraine-Krieges: Erstens sei die Fertigungskapazität Russlands mit etwa 3,5 Millionen Geschossen in den Kalibern 122 bis 155 Millimeter viel höher. Zweitens habe Russland in den vergangenen Jahren mehrere Millionen Granaten aus Nordkorea erhalten und damit seine Bestände immer wieder aufstocken können.

Fehlende Standards gefährden Beschaffung und Versorgung
Dass Europa nicht genug Munition herstellen kann, ist aber nur eines der Probleme für die europäische Verteidigungsfähigkeit. Hinzu kommt: Es fehlt an gemeinsamen Standards in der Produktion. Seit dem Ende des Kalten Krieges sei ein Wildwuchs in der Munition der NATO-Armeen entstanden, sagt Generalmajor Dirk Kipper, stellvertretender Stabschef beim Logistikkommando JSAC der NATO. Ein markantes Beispiel dafür ist die unterschiedliche deutsche und niederländische Artilleriemunition für die Panzerhaubitze 2000. Bei der Versorgung der an die Ukraine gelieferten Systeme zeigte sich: Die Munition war nicht immer kompatibel – ein Problem in einem Krieg, in dem jede Granate zählt.
Zwar haben gerade deutsche Munitionshersteller wie RWS aus dem fränkischen Fürth große Fortschritte gemacht und die Herstellung von Zündern für die wichtigen 155-Millimeter-Geschosse seit 2023 innerhalb von drei Jahren modernisiert. Dank einer durch den Einsatz von Robotik stärker automatisierten Produktion können nun statt 100.000 Stück jährlich 1,5 Millionen Stück hergestellt werden. Doch werden solche Fortschritte an anderer Stelle ausgebremst. Ein weiteres strukturelles Problem der europäischen Munitionsproduktion liegt in der Versorgung mit zentralen Vorprodukten. Es mangelt insbesondere an der eigenen Produktion von TNT, einem unverzichtbaren Sprengstoff für die Herstellung von Artilleriemunition und Treibladungen.
Schweden will erste TNT-Fabrik in Westeuropa bauen
Weder die im Krieg stehende Ukraine noch die USA haben eine eigene TNT-Produktion. Beide versorgen sich über die bis dato einzige TNT-Produktion Europas – das Unternehmen „Nitro-Chem“ im polnischen Bydgoszcz. Ein Großteil der TNT-Produktion für Europa erfolgt in Asien, zum Beispiel in Indien und Vietnam. Diese Lieferketten können durch politische Spannungen, Handelskonflikte oder Störungen in Transport und Produktion schnell unterbrochen werden.
Joakim Sjöblom, CEO des Sprengstoffherstellers Sweden Ballistics AB, sieht darin ein Beispiel für das eigentliche Problem der europäischen Verteidigungsindustrie: „Nicht Innovationen sind das militärische Problem Europas, sondern Kapazitäten, gerade bei der Munitionsproduktion.“ Um diese strategische Verwundbarkeit zu reduzieren, planen die Schweden den Bau einer ersten TNT-Fabrik in Westeuropa. Bisher sind die großen europäischen Munitionshersteller nicht verpflichtet worden, ihre Produktionsketten innerhalb Europas aufzubauen oder abzusichern. Ohne solche Vorgaben droht die Abhängigkeit von wenigen Produktionsstandorten oder globalen Lieferanten bestehen zu bleiben. Dies sei ein Risiko in einer Zeit, in der Munition wieder zu einem zentralen Faktor militärischer Abschreckung geworden ist, mahnt Sjöblom.


Litauen macht es mit dem „Grünen Korridor“ vor
Wie ein konsequentes Konzept aussehen kann, um seine Verteidigungsindustrie – insbesondere die Munitionsproduktion – rasch auszubauen, zeigt das EU- und NATO-Mitglied Litauen. Mit seinem sogenannten „Green-Corridor“-Ansatz hat der Staat an der NATO-Ostflanke vier strategische Entwicklungsrichtungen für seine Rüstungsindustrie definiert. Für entsprechende Industrieprojekte wurde ein Umsetzungspfad geschaffen, der Genehmigungsverfahren deutlich beschleunigt und bürokratische Hürden reduziert. Dazu gehören etwa vereinfachte Auflagen – auch im Umweltbereich – sowie priorisierte Behördenverfahren. „Von der Planung einer Produktionsanlage bis zur Baugenehmigung verkürzt der Korridor in ländlichen Gebieten die Zeit auf drei Monate, in urbanen Räumen auf zehn Monate. Davor waren es in beiden Fällen 36 Monate Genehmigungsdauer“, erklärte Ignas Marcinkevičius von der staatlichen Investitionsagentur Litauens.
Europas Munitionsindustrie: Mehr Tempo, mehr Kapazitäten
Unabhängig von einzelnen nationalen Initiativen bleibt die zentrale Herausforderung für Europa bestehen: Die Munitionsproduktion muss schneller, größer und strategisch koordinierter ausgebaut werden. Dazu gehören gemeinsame Standards, stabile Lieferketten für kritische Komponenten sowie langfristige Beschaffungsverträge, die der Industrie Planungssicherheit geben. „Eine zentrale Lehre aus dem immensen Munitionsverbrauch im Ukraine-Krieg ist, dass die Munitionsindustrie Europas eine strategische Industrie ist, die für eine wirksame Abschreckung gestärkt werden muss“, betont Alexandra Cristea, Vice President Sales beim deutschen Munitionshersteller RWS. Ohne einen solchen Ausbau droht Europa im industriellen Wettbewerb moderner Kriegsführung dauerhaft ins Hintertreffen zu geraten.

