
Vernetzen für die Rüstung
Von Björn Müller
Die Bundeswehr soll zur stärksten konventionellen Armee Europas werden. Dafür braucht es einen raschen Ausbau der Rüstung. Ein Mittel dafür ist eine Vernetzungsplattform für die Wirtschaft.
Die Bundeswehr soll zur stärksten konventionellen Armee Europas gerüstet werden, das ist das Ziel der jetzigen Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz. Hintergrund ist der massive Druck von Seiten der USA auf die Europäer, die Hauptlast ihrer Verteidigung künftig selbst zu tragen. Die Bundesrepublik will ihre Streitkräfte zu einer Rahmenarmee ertüchtigen, die kleinere Partnerarmeen an europäische Großverbände andocken kann. Der Weg dafür soll eine Entgrenzung seiner Verteidigungsausgaben sein und ein weiteres Gesetz zur Beschleunigung der Rüstung. Nun steht die Industrie in Deutschland vor der Herausforderung, Massen an Material zu liefern. Als Beispiel wird in Fachkreisen ein Bedarf von 1.800 bis 3.000 gepanzerten Transportfahrzeugen vom Typ Boxer gesehen.
Erweiterung der Zulieferketten
„Um solche großen Bedarfe zu decken, müssen die Systemhäuser wie Rheinmetall ihre Lieferketten ausbauen und das zügig“, sagt Hans Christoph Atzpodien, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie BDSV. Das heißt, es müssen Unternehmen, gerade kleinere aus dem Mittelstand, angedockt werden, die bis jetzt nur in der zivilen Produktion unterwegs sind. Um die Erweiterung der Zulieferketten in Deutschlands Wehrindustrie zu erleichtern, haben BDSV und der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik BME eine Vernetzungsplattform ins Leben gerufen – die SVI-Connect. Auf dieser Onlineplattform, administriert vom BME, können sich zivile Unternehmen mit jenen der Rüstung vernetzen. Den Aufbau von SVI-Connect hat das Wirtschaftsministerium finanziert.

Die Politik setzt große Erwartungen in das Projekt. Wirtschaftsministerin Katharina Reiche und Verteidigungsminister Boris Pistorius stellten die Matchmaking-Plattform bei einem „Rüstungsgipfel“ mit der Industrie Ende des vergangenen Jahres vor. BDSV-Hauptgeschäftsführer Atzpodien nennt ein potenzielles Beispiel: „Der Rüstungskonzern KNDS benötigt in naher Zukunft Personal zum Schweißen von Panzerstahl. Mithilfe der Matchings können sie die Profile registrierter Firmen nach stimmigen Lieferanten dursuchen.“ Ein Selbstläufer ist die Plattform allerdings nicht. Hans Christoph Atzpodien: „Das Schweißen von Panzerstahl muss durch die Wehrtechnische Dienststelle 91 des Beschaffungsamts zertifiziert werden. Zivile Firmen, die in den Rüstungsbereich einsteigen wollen, müssen sich dafür in vielen Bereichen selbst befähigen.“ Da die Firmen meist mit Verschlusssachen in Berührung kommen, müssen Mitarbeiter sicherheitsgeprüft werden. Ein Verfahren, dass zum Beispiel im Land Berlin zwischen drei und neun Monaten dauert.
Auch die Bundesländer rüsten auf
Laut BDSV-Geschäftsführer Atzpodien haben sich seit Januar über 1000 Unternehmen auf SVI-Connect registriert. Ungefähr je zur Hälfte zivile Unternehmen und solche der Wehrindustrie. Atzpodien sieht diese Anzahl als Erfolg: „Das Feedback, auch aus anderen Verbänden, zeigt das große Interesse an der Verteidigungswirtschaft. Der Verein Deutscher Maschinenbau-Anstalten hat uns mitgeteilt, dass von seinen 3.500 Mitgliedsunternehmen, bereits 300 erklärt haben, im Verteidigungsbereich mitmachen zu wollen.“ Hilfreich seien auch die verstärkten Bemühungen der Bundesländer, sagt der BDSV-Hauptgeschäftsführer. So war Thüringen auf der Enforce Tac mit einem eigenen Gemeinschaftsstand präsent, auf dem zivile Unternehmen des Landes zur Vernetzung ihre Produkte und Leistungen präsentierten. Nahezu alle Bundesländer arbeiten an Förderstrategien oder bringen ihre Wirtschaft zu „Runden Tischen“ zusammen, damit ihre Unternehmen Zugang zur Beschleunigung der Rüstung in Deutschland finden.

