
“Bei Messerangriffen erleben die Betroffenen ein extrem hohes Stresslevel”
Die operativen Polizeieinheiten auf der Straße sind die Keimzelle der inneren Sicherheit, so Eckhard Niebergall, 1. Vorsitzender des Polizeitrainer in Deutschland e. V. Ein Gespräch darüber, wie sich neue Gefahrenlagen auf die Polizeiarbeit auswirken.
Herr Niebergall, man liest in den Medien viel über Messerangriffe, Attentate und Amokläufe. Wie stark nimmt die Gewalt auf der Straße tatsächlich zu?
Was man klar feststellen kann, ist ein zunehmender Trend der Gewalt auf der Straße. Das zeigt das Lagebild des BKA eindrücklich. Insgesamt hat sich vor allem die Qualität der Angriffe auf Polizeibeschäftigte stark verändert: Es herrscht eine größere Gewaltaffinität und auch -bereitschaft gegenüber Einsatzkräften.

Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die Polizeiarbeit?
Grundsätzlich hat sich an den Fähigkeiten, die eine Kollegin oder ein Kollege haben muss, nichts verändert. Wir brauchen ein gewisses Maß an theoretischem Know-how. Wir müssen aber eindeutig den handwerklichen Teil, beispielsweise bei Messerangriffen, noch stärker darauf ausrichten, schneller und besser reagieren zu können. Der Einsatz von neuen Einsatzmitteln ist nicht per se eine Verbesserung der Sicherheit. Nur das Einsatzmittel, das kompetent verwendet wird, bringt mehr. Und damit zusammen hängt die Qualität der Aus- und Fortbildung, aber auch die Quantität. Da gibt es eine Menge Luft nach oben, und zwar in allen Bundesländern und beim Bund.
Wie gelingt es, Einsatzkräfte auf solche Szenarien wie etwa Messerangriffe vorzubereiten?
Wir müssen die jungen Leute in der Ausbildung kompetent und vor allem stressresistent machen. Besonders bei Messerangriffen erleben die Betroffenen ein extrem hohes Stresslevel mit Pulsraten von 180 plus. In dem Zustand sind sowohl Wahrnehmungsfähigkeit als auch Reaktions- und körperliche Leistungsfähigkeit extrem eingeschränkt. Wer solche Situationen bewerkstelligen soll, braucht Stressresilienz. Und die lernt man nicht im Lehrsaal, sondern in einem clever gesetzten Training mit kompetenten Trainern. Das Erlernen und Umsetzen von Know-how ist übrigens eine der größten und wichtigsten Herausforderungen in der Polizeiausbildung. Denn Menschen mit Kompetenz, Resilienz und Selbstvertrauen agieren auf der Straße viel kompetenter als Leute, die sich unsicher fühlen.
Was sind erste Handlungsschritte bei einem Einsatz, die Polizisten im Schlaf beherrschen müssen?
In der sogenannten Chaosphase, der ersten Phase einer Gefahrenlage gilt es, so viel Informationen wie möglich zu bekommen, um die Lage korrekt beurteilen zu können. Das ist extrem schwierig, aber wichtig. Daraus leiten sich dann die entsprechenden Maßnahmen ab.
Gibt es bekannte historische Fehleinschätzungen?
Die Tatsache, dass es den klassische Amoklauf wie er sich 1999 an der Columbine Highschool zutrug auch bei uns geben könnte, hat man in Deutschland lange ignoriert und abgestritten. 2002 kam es in Erfurt genau zu so einem Ereignis. Wie haben die Einsatzkräfte vor Ort reagiert? Eben so wie sie es seit Jahrzehnten machten. Man hat größere Absperrungen gestellt und abgewartet. In der Zwischenzeit wurden Menschen schwer verletzt und getötet. Diese Taktik war völlig verkehrt.
„First-Responder-Informationen mithilfe von Drohnen können der Polizei schon vor ihrem Eintreffen helfen, einen Überblick über die Lage zu erhalten.“ Eckhard Niebergall
Welche Auswirkungen hatte das Ereignis auf Ihre Arbeit als Polizeitrainervereinigung?
Wir wussten schon lange vorher, wie man hier reagieren kann, weil wir nach dem Vorfall an der Columbine Highschool angefangen hatten, uns mit amerikanischen Kollegen auszutauschen und Konzepte zu erarbeiten. Als der Vorfall in Erfurt passiert war, erreichten uns aus ganz Deutschland Anfragen. Vieles, was heute umgesetzt wird, hat seinen Ursprung bei uns und basiert auf dem Wissen und den Erfahrungen der amerikanischen Kollegen.
Fonden Sie inzwischen schon früher Gehör?
Ja, tatsächlich, mittlerweile ist das so. Die Europäische Polizeitrainerkonferenz, die Ende Februar in Nürnberg stattgefunden hat, ist ein gutes Beispiel dafür. Behörden schicken ihre Trainerinnen und Trainer dorthin. Wir laden kompetente Referenten aus der ganzen Welt ein, sind im Austausch mit Kollegen aus Australien, Kalifornien, aus Michigan oder Kanada. Die Behörden, die Kollegen zur Konferenz schicken, sind also über neuste Entwicklungen informiert. Es liegt an ihnen, das dann in den Apparaten umzusetzen.
Was kann jeder Einzelne, der in eine Gefahrenlage gerät, konkret tun?
Grundsätzlich sollte jeder oder jede nur das tun, was in seinem oder ihrem Möglichkeitenbereich liegt. Ein paar sinnvolle Maßnahmen kann aber jeder ergreifen: Abstand halten, die Situation beobachten, um später als Zeuge oder Zeugin zur Verfügung stehen zu können, sofort die 110 rufen. Sie können andere Menschen darauf aufmerksam machen, was passiert, sodass eine Gefahrengemeinschaft und dadurch eine gewisse Sicherheit des Einzelnen entsteht. Handyaufnahmen können später bei der Täteridentifikation helfen – sollten aber nicht im Internet erscheinen, sondern der Polizei als Beweismittel übergeben werden.
Zum Abschluss: Sehen Sie aktuell Innovationen, die Sie für praxistauglich halten und die Polizeiarbeit verbessern?
Es gibt viele Innovationen, die für uns bedeutsam sind. Mit zwei Dingen haben wir uns gerade auf der Europäischen Polizeitrainerkonferenz beschäftigt. First-Responder-Informationen mithilfe von Drohnen können der Polizei schon vor ihrem Eintreffen helfen, einen Überblick über die Lage zu erhalten. KI-gestützte Verhaltensanalysen, anders als die klassische Videoüberwachung, erkennen Abweichungen vom „Normalverhalten“ in Menschenmengen und alarmieren geschulte Kräfte. Das wird vor allem beim Schutz von größeren Anlagen oder bei Großveranstaltungen eine immer größere Rolle spielen.
Das Interview führte Julia Hoscislawski.

